6 Thesen zu (c)moocs (in den Medien)

Oh das wurde ja mal wieder Zeit: Bloggen nachdem ich  gut anderthalb Jahre hier nichts mehr geschrieben habe. Mal schauen ob’s noch geht….Das Backend von Blogger sieht schon mal ganz anders aus, eher wie google-drive. Das sollte aber kein Hindernis sein.
Der Anlass: Große Berichterstattung in verschiedenen Medien zum Thema moocs – oder vielleicht doch zum Thema Bildungsexpansion, Einsparmöglichkeiten und mediengestützte Lehre? Jedenfalls verwischt da einiges, das ich versuchen wollte ein wenig (auch für mich) zu sortieren und manches finde ich zumindest diskussionswürdig.

Vor meinen 6 Thesen:
Eine gute Übersicht zu den verschiedenen mooc-Typen und generell zum Thema gibt es hier: http://www.e-teaching.org/lehrszenarien/mooc
Und einen guten Einstieg zur Medienberichterstattung bietet auch Joachim Wedekind in seinem Blog:
http://konzeptblog.joachim-wedekind.de/2013/03/14/moocs-so-und-so-gesehen/

These 1 – Nicht einfach preiswerte Bildung für jeden
In der medialen Berichterstattung zu den moocs wird einerseits häufig die Demokratisierung von Bildung ausgeführt, andererseits aber auch zunehmend deutlich, dass kommerzielle Interessen hinter dem Angebot von moocs stehen. Sicherlich ist dies sehr differenziert zu sehen, weil es sehr viele unterschiedliche Modelle von moocs gibt, trotzdem will ich hier mal die m.E. problematischen Aspekte herausgreifen:

moocs als Ersatz
So schreibt die Zeit, dass die moocs der Elitehochschulen teilweise Grundkurse ersetzen

Staatliche Hochschulen wie etwa die San José University kaufen diese Kurse und ersetzen damit ihre Grundkurse – um mehr Menschen mit akademischer Bildung zu erreichen, die Durchfallquoten zu senken und gleichzeitig Geld zu sparen.

Auch wie Hochschulpräsidenten sich die konkrete Umsetzung vorstellen, weiß die Zeit:

Manch ein Hochschulpräsident denkt daran, wie sich durch die Verlagerung von Vorlesungen ins Netz Kosten für Personal und Räume sparen ließen. Zugleich eröffnen die Mooc neue Einnahmequellen. Die Idee: Unis liefern die Inhalte, private Firmen stellen sie auf ihre Plattformen und beteiligen die Hochschulen an den Erlösen.

Wenn hierbei allerdings allein auf die moocs gesetzt wird (vgl. These 5), frage ich mich, ob die Durchfallquoten tatsächlich gesenkt werden können. Wenn ja, könnte das auch daran liegen, dass Studierende einfach viel zusätzliche Zeit in die Bearbeitung der moocs investieren.  Und öffentlich finanzierte Erstellung von Lehr (!) Inhalten dann mit der Unterstützung privater Firmen wieder an Studierende zu verkaufen, klingt in Zeiten von Open-Educational-Ressources vorsichtig gesagt ein wenig weird.

moocs für Bildungsbenachteiligte
Immer wieder wird angeführt, dass moocs dazu beitragen können, dass (hochwertige?!) Bildung für alle Personen mit Internetzugang möglich werde. Mit ganz viel Pathos vertritt dies Daphne Koller (@DaphneKoller) in einem TED-Video. Nüchtern auf die Verteilung der TeilnehmerInnen nach Staaten hat dagegen Rolf Schulmeister geschaut: 38,5 % kommen aus den USA und 0,4 % aus Südafrika. Auch in Bezug auf den Bildungsabschluss scheint der Demokratisierungsanspruch nicht erolgreich, wie Philipp Schmidt bei einem Vortrag (@schmidtphi) auf der Internet und Gesellschaft Initiative „Lernen in der digitalen Gesellschaft“ zeigte: 90 % der Befragungsteilnehmenden eines untersuchten coursera-moocs hatten Hochschulabschluss, 10 % sogar einen Dr.

moocs für Bewerbungsdaten
Wie die Geschäftsmodelle von moocs aussehen können, weiß die Süddeutsche Zeitung noch nicht („obwohl noch nicht klar ist, wann und wie sie profitabel werden könnten“), ein paar Hinweise gibt aber auch Schulmeister:

  • Mooc-Betreiber vermitteln über Tests Lernende an Unternehmen (und erhalten dafür vermutlich auch Geld)
  • Mooc-Betreiber sammeln Daten über das Lernverhalten ggf. auch für zukünftige Arbeitgeber
Weiter führt er aus, wie in ebooks, die amerikanische Hochschulen für ihre Studierende anschaffen, learning analytics betrieben wird – und zwar nicht für die Lehrenden und Lernenden zur Unterstützung des Lernprozesses, sondern für die Verlage.
Welchen Weg iversity, die „[erste] kommerziellen MOOC-Plattform in Deutschland“ (SZ) gehen will, ist mir noch nicht klar. 


These 2 – Was schon da ist, wird nicht gesehen und genutzt
Die Berichterstattung in den Medien zum Thema moocs schlägt häufig in die Kerbe an deutschen Hochschulen würden digitale Medien noch nicht ausreichend für die Lehre genutzt und die moocs seien ein Grund, sich damit nun stärker auseinanderzusetzen. Das geht soweit, dass es in der Zeit so klingt, als würde iversity die erste Lernplattform überhaupt aufbauen (ich weiß das ist kleinlich gelesen):

Auch in Deutschland bringen sich dafür gerade mehrere Unternehmen in Stellung. Hannes Klöpper will mit seinem Start-up Iversity das europäische Coursera werden. Es wurmt ihn zwar, dass er schon vor vier Jahren die Idee für eine Lernplattform hatte und ihm die Amerikaner zuvorgekommen sind.

Fakt ist aber halt, dass iversity schon lange auf dem Markt ist. Mit einer m.E. interessanten hochschulübergreifenden Lernplattform (u.a. mit Funktionen wie social reading) und jetzt die Plattform für einen mooc weiterentwickelt. Auch die SZ hatte das nicht weiter ausdifferenziert, den zugehörigen Artikel aber mittlerweile aus dem Netz genommen.
Dass es schon lange eine Vielfalt unterschiedlicher Plattformen gibt, deren Öffnung für Inhalte aus dem Netz auch schon seit Jahren vor allem von Michael Kerres gefordert wird (wie hier im cmooc Zukunft des Lernens) fällt dabei unter den Tisch. Genauso die deutschsprachigen moocs, die eben in der Mehrzahl ein didaktisch spannenderes Format fahren, als die in den Medien präsenten xmoocs. Eine gute Übersicht zu den deutschprachigen moocs sowie den verschiedenen mooc-Varianten gibt es bei e-teaching.org.

These 3 – Kooperationen werden nicht genutzt
Gemeinsam entwickeln und durchführen
Moocs könnten eine neue Gelegenheit sein, Lehren und Lernen gemeinsam zu planen, zu konstruieren, kooperativ zu entwickeln und zu ermöglichen. Bei den cmoocs ist das in der Tat immer wieder der Fall: Mehrere unterschiedliche Dozierende kommen zusammen, beziehen ihre Inhalte und Methoden aufeinander, machen z.T. auch Ihre Planungen transparent und reagieren (unterschiedlich) auf die Beiträge der Lernenden in Blogs, Tweets, Connect-Sitzungen. Zu dem Thema hat Claudia Bremer auch einiges auf ihrer Webseite bereitgestellt: http://www.bremer.cx/veroeffentlichung.html#mooc.

Offenheit der Kurse nutzen
Diese Offenheit der Kommunikation und freie Zugänglichkeit von Inhalten erlaubt verschiedene Perspektiven auf Fragen, Definitionen, Lösungen, das Einbringunen von unerwarteten Tools durch die Lernenden (vgl. mein Artikel dazu hier, S. 449-452) sowie die Begegnung mit TeilnehmerInnen, die ich in einem traditionellen Hochschulkurs vielleicht nicht treffen würden (vgl. einen Artikel von Martin Ebner (@mebner) und mir, der noch im Erscheinen ist). In xmoocs wird diese Chance für eine diverse Teilnehmerschaft kaum unterstützt. Durch amerikanisch geprägte Beispiele wird die kulturell unterschiedliche Herkunft der Teilnehmenden – ein Aspekt ihrer Diversität – missachtet. Oder versteht Ihr genug von Baseball, um Statistik-Beispiele dazu zu bearbeiten?

Viele der Inhalte sind ohnehin nur in den entsprechenden Plattform auffindbar, Peter Baumgartner dazu: „So hat z.B. Coursera seine Videos aus dem Kurs wieder gesperrt!“

Immerhin hat der coursera-Kurs „elearning and digital cultures“ (den ich angefangen aber nicht zu Ende gemacht habe) einiges an Content aus dem Netz eingebunden, z.B. ein paar sehr gut gemachte youtube-videos (zwei hatte ich auch schon in meine youtube-Playlist eingefügt). Außerdem sind die beiden von Claudia Bremer mitgestalteten und organisierten Kurse opco11 und opco12 noch immer komplett im Netz auffindbar.

Dass nämlich das alte Prinzip „eher teilen Lehrende ihre Zahnbürste, als ihren Content“ nicht mehr uneingeschränkt gilt, könnte man durch moocs unterstützen, wenn die Inhalte auch offen bleiben und nicht nach Beendigung eines Kurses nicht mehr aufrufbar sind. Eine Überlegung in dieser Richtung hat beispielsweise Sandra Schön (@sandra_schoen) in ihrem Blog mit Blick auf das Mooc-Fellowship ausgeführt.

Dass so etwas wieder dem flipped classroom helfen kann, zeigt Christian Spannagel, der zuletzt das Video eines anderen Lehrenden für seine flipped Vorlesung verwendet hat – finde den Tweet dazu aber irgendwie nicht.

These 4 – Interaktionsmöglichkeiten sind unterbelichtet
Dass Moocs mehr sind als digitale Vorlesungen, weiß auch die Süddeutsche Zeitung:

[Moocs] sind interaktiv. Studenten sollen an Diskussionsforen teilnehmen, erhalten Hausarbeiten, können Prüfungen ablegen.

Diskussionsforen, Hausarbeiten und eAssessment sind aber keineswegs neu, beim eLearning findet das ja in unterschiedlichen Ausprägungen schon lange statt – zumindest dann, wenn über den Einsatz von Lernplattformen als PDF-Schleudern hinausgegangen wird.

Ein – weitgehend – neuer Interaktionsaspekt in moocs ist jedoch der massive Einsatz von Peer-Feedback. Studierende reichen ihre Hausarbeiten ein und geben dann anderen Studierenden Feedback und erhalten von anderen Studierenden Feedback. Das ist das Modell, mit dem Massen von Studierenden eine Rückmeldung gegeben werden kann. Dabei verschwinden die Lehrenden aber oft ganz aus dem Lehr-Lernprozess.

Auffällig ist, dass die Online-Kurse fast überall als „soziale Plattformen“ oder „Lernen im Zeitalter des Web 2.0“ beworben werden. Gerade in den großen Kursen ist meist genau das Gegenteil der Fall. Der Austausch läuft meist über ein klassisches Diskussionsforum, in dem nur ein kleiner Teil der Lernenden aktiv werden, ganz zu schweigen von ihren Dozenten

Kritisiert auch Jöran Muuß-Meerholz (@jmm_hamburg). Wohlgemerkt ist dabei vor allem von den so genannten xmoocs die Rede. Claudia Bremer fasst das so zusammen, dass die Frage sei, ob man Frontalunterricht online mache. Dass die meisten xmoocs schon fast dahinter zurückfallen, haben Khalil und Ebner (2013) mit ihrer Untersuchung von Interaktionsmöglichkeiten gezeigt, indem sie bei 30 moocs Kursdokumente, Diskussionen und Interaktionstools analysierten. Ein Ergebnis ist besonders ernüchternd:

Since “student to instructor” interaction is missed in [x]MOOCs, futurestudies should be carried out to suggest more strategies and instructional activities that promote and enhance MOOCs “student to instructor” interactions. (Khalil und Ebner 2013, S. 18).

Für cmoocs habe ich mit Martin Ebner (im Erscheinen) mal analysiert, was über Twitter kommuniziert wird, da dieser Kommunikationskanal dort oft ein wichtiges Element ist.

These 5 – Präsenzhochschule und moocs passen noch nicht
Moocs und die klassischen Präsenzhochschulen passen zumindest noch nicht zueinander. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass in den Medien dann teilweise Konzepte durcheinandergeworfen werden. So sieht die Zeit das Prinzip des flipped classroom wie es in der Khan Academy verfolgt werde als Grundlage für die moocs:

Khans Prinzip – auf dem inzwischen alle Moocs beruhen – ist der flipped classroom: Anstatt seinen Schülern Frontalvorträge zu halten, filmt sich der Dozent in seiner Unterrichtsstunde ab und stellt das Video ins Netz. 

Nur ist weder das Einstellen von Unterrichtsvideos ein mooc, noch ein flipped classroom. Bei einem xmooc werden die Videos in eine Kursstruktur eingebunden, bei dem oft das Peerfeedback auf eingereichte Aufgaben das zentrale Interaktionselement ist. Auch die Zeit  verwechselt Video-Bereitstellung, flipped classroom und moocs.
Der Reiz des flipped classroom besteht aber gerade darin, dass die Präsenzzeiten besser für Interaktionen, Fragen, Problemlösungen genutzt werden können (vgl. flipped classroom ist nicht Videolernen). Bei den meisten moocs gibt es aber keine Präsenzveranstaltungen (im Sinne von face-to-face-Treffen). Wie flipped classroom und moocs thematisch zusemmengebracht werden können, zeigen Claudia Bremer (@clbremer) und Christian Spannagel (@dunkelmunkel) sehr schön hier.

Es gibt aber einige Versuche, moocs im Sinne von Blended Moocs durchzuführeh, also mit einem Online- und einem Präsenzanteil. Wie das aussehen kann, hat Volkmar Langer (@VolkmarLa) u.a. beim Fachforum „Open Online Courses – Perspektive für (offene) Bildungsveranstaltungen für Hochschulen und Weiterbildung erläutert:

These 6 – Moocs sollen von der Lehre entlasten
Werden Moocs weiter vor allem und nahezu ausschließlich auf die Interaktion zwischen den Studierenden/Lernenden ausgerichtet, hat wohl Marcus Rieke, Geschäftsführer von iversity mit dem recht, was er in der Süddeutschen Zeitung äußert, nämlich dass moocs auch von der lästigen Pflicht der Lehre entlasten:

Und die Professoren könnten sich dem widmen, was die meisten sowieso viel lieber täten – nämlich hauptsächlich forschen. 

In diese Richtung zu gehen, halte ich aber für einen fatalen Weg. Vielmehr sollte man/ sollten wir uns Gedanken machen:

  • Wie können moocs und Präsenzveranstaltungen lernförderlich miteinander verbunden werden? (Grundsätzliches zur Verbindung von Offline und Online habe ich mit zwei Kolleginnen mal hier angerissen)
  • Wie kann die Interaktion in den moocs (vor allem den xmoocs) methodisch vielfältiger werden?
  • Wie kann gewährleistet werden, dass die Lernenden auch mit der/die Prof. kommunizieren, d.h. Lehren und Lernen zusammen gedacht wird?
  • Wie erreichen wir eine international diverse Studierendenschaft? Gerade auch mit Blick auf die zunehmende Öffnung der Hochschulen?
  • Wie können Geschäftsmodelle entstehen, die nicht auf eine Kommerzialisierung von Bildung und einen Ausverkauf von Daten hinauslaufen?
Ich denke da bewegt sich bereits einiges in die Richtung.
Ich habe hier vor allem noch mal vor dem Hintergrund der Berichterstattung in den Medien noch mal schauen wollen, was es zu tun gibt. Hoffe das ist mir einigermaßen gelungen, freue mich auf Kommentare und Hinweise.
Und für mich bleibt noch als nächstes den Artikel von Daphne Koller u.a. zum Thema Abbruchquote zu lesen. Vielleicht finden sich da ja auch schon Ansätze :).

15 Antworten auf „6 Thesen zu (c)moocs (in den Medien)“

  1. Schön, das alles mal zusammengefasst zu lesen. Immer, wenn ich nachts noch Blogeinträge der SOOCer lese und überlege, ob man mit diesem Zeitstempel noch kommentieren sollte, dann verfluche ich Berichte wie "MOOCs rationalisieren den Aufwand." Aber damit sind eben cMOOCs gemeint, bei xMOOCs kann das durchaus klappen. Aber wir sind ja noch lange nicht so weit…

  2. @Anja: Bin auch beeindruckt, wie man so einen SOOC nebenbei machen kann. Was den Zeitstempel betrifft wäre eine Kommentar-Zeitschaltuhr vielleicht gar nicht schlecht.
    @Oliver: Bei xMoocs ist dann die Frage, wer die Fragen beantwortet. Fraglich, ob das die Veranstalter machen, meist – siehe Beitrag von Ebner und Khalil – fragen sich andere ob sie Fragen zu fragwürdiger Stunde noch beantworten. — Jackpot, 5 mal frag* in einem Kommentar untergebracht 🙂

  3. Ich habe halt auch in einem xMOOC bei Coursera erlebt, wie die Kursbetreuung fleißig allerlei Fragen beantwortet hat. Bei Orgafragen geht das auch nicht immer anders. Es konnten sogar ganz bewusst Fragen als "Sprechstundenfragen" gekennzeichnet werden, die mal per GoogleHangout diskutiert, mal per Video vom Prof beantwortet wurden. Das hängt halt vom Engagement ab, nicht vom Format. Es gab in diesem MOOC auch andere Möglichkeiten, sich einzubringen wie ein Wiki-Glossar. Du kannst nun von mir aus auch sagen, das sei insgesamt dann kein xMOOC mehr. Genau da will ich hin, weil die Dichotomie wankt.

    Vgl. http://mooc.efquel.org/a-new-classification-for-moocs-grainne-conole/ und http://mooc.efquel.org/week-6-quality-of-moocs-keeping-our-promises/

  4. Ich werde demnächst mit Christian (@dunkelmunkel)einen MOOC produzieren. Ich weiß mittlerweile, was die Abkürzung MOOC bedeutet. (Schicke Abkürzungen zu erfinden scheint die hauptsächliche Tätigkeit vieler E-Learning-Experten zu sein.) Mehr muss ich über MOOCS aber auch nicht wissen. Ich bau einfach einen. Seit 1985 setzte ich IT in der Ausbildung von Mathematiklehrern ein. Damals schrien insbesondere Pädagogen: "Um Himmel's Willen Teufelszeug. Bloß keine Computer wir machen lieber ein Rollenspiel Papa's Arbeit wird durch einen Computer übrnommen." In den vielen Jahren ist mir klar geworden, dass der engagierte und begabte Dozent durch nichts zu ersetzen ist, schon gar nicht durch ein paar Videosequenzen auch dann nicht wenn er sie selbst generiert hat. Weil ich weiß, dass ich durch nichts zu ersetzen bin, ist es mir egal wie die Dinge heißen mögen, ich weiß was ich mit IT anfangen kann und wann und wo ich sie sinnvoll einsetzen kann. Wenn ich mich jetzt auch noch darum kümmern sollte, welche Sau die selbst ernannte E-Learning-Gemeinde grad mal wieder durchs Dorf treibt, hätte ich keine Zeit mehr die Dinge wirklich einzusetzen. Dieser Einsatz nämlich kostet sehr viel Zeit. Jeder der in irgendeiner Form sinnvoll IT in der Lehre einsetzen möchte, muss davon ausgehen, dass ein immenser Arbeitsaufwand auf ihn zukommt.
    MOOCs und was es dort so alles geben mag, sind keine Nürnberger Trichter. Sie sind schlichtweg nicht mehr und nicht weniger als gewisse Hilfsmittel, die den Lehrenden und Lernenden bei Studium zusätzlich zur Verfügung stehen. Es mag sein, dass der ein oder andere sich ein gesamtes Stoffgebiet allein aneignen kann. Wer das kann es aber auch ohne MOOC.
    Die größte Fehlvorstellung der E-Learning-Gemeinde besteht in Folgendem: Es sei n die Anzahl der Lernenden, die auf einer gewissen Plattform P bezüglich ihres Lerngegenstandes miteinander kommunizieren. Ab einem gewissen hinreichend großen n_0 wird für alle n größer gleich n_0 gelten, dass die Kollaboration der Lernenden auf P ein Selbstläufer wird. (Neuronenmetapher)
    Jeder, der einmal zu einem hinreichend anspruchsvollen Gegenstand versucht hat, einen halbwegs kontinuierlichen Gedankenaustausch auf so einer Plattform P zu organisieren, weiß, dass sich nichts von alleine ergibt. Es bedarf der stetigen bw. zumindest regelmäßigen Anwesenheit des Dozenten auf P. Aus meiner Sicht gelten die folgenden Erfahrungswerte:
    * Was du nicht in den ersten zwei Wochen zum Laufen (Ich meine den Gedankenaustausch der Lernenden auf P) bekommst, wird nie richtig funktionieren. (be quick or be dead)
    * Gib nicht alles als Skript vor, lass die Lernenden zumindest Teile davon selbst generieren. (no way but the hard way, kein PDF sammeln möglich)
    * Arbeite mit Hilfskräften, die du sinnvollerweise für ihren extremen Aufwand bezahlst.
    * Erkenne, wo du als erfahrener Dozent gebraucht wirst und reagiere dort promt und unmittelbar. Ein Lernender, der sich sehr lange mit einem für ihn komplizierten Problem herumgeschlagen hat um seine Ergebnisse letztlich auf P zu veröffentlichen erwartet zu Recht eine recht unmittelbare Reaktion des Dozenten. (hier hilft kein Tutor und kein Robot und auch kein vom Dozenten verwendeter Textbaustein.)
    Grüße
    m.g.

  5. @m.g. Klingt beim Überfliegen fast alles so, als könne ich es unterschreiben. Bloß die Sache mit der Neuronenmetapher nicht. Die sagt nämlich nicht, dass "aus dem Nichts" etwas passiert, wenn viele anwesend sind; sie soll bloß ein offenes Verhalten fördern. Startende und ggf. aufrechterhaltende Impulse sind immer noch Aufgabe eines Lehrenden.

  6. Mit den Thesen wird genau die Diskussion in Gang gebracht, die wir brauchen um MOOCs weg von der Hype-Debatte zu bringen.

    Ich würde aber noch weiter gehen und fragen, ob nicht MOOCs eine so radikale Bildungsinnovation sind, dass wir dabei unsere traditionellen Denkmuster aufgeben müssen. Insbesondere bei der Kritik an den hohen Dropout Quote frage ich mich, ob der Vergleich zu regulären Veranstaltungen da überhaupt Sinn macht, denn Lurker lernen doch auch was. Ein Abbruch (so wie bei Dir mit Coursera beschrieben), heißt doch nichts, dass nichts gelernt wurde oder?

    Mehr dazu habe ich hier aufgeschrieben: http://markusmind.wordpress.com/2013/06/08/mooc-unchained-warum-wir-neue-denkfiguren-brauchen/

  7. Zum Punkt "Ich nutze fremde Videos": ich hab tatsächlich zu Beginn des Semesters das mal ausprobiert, bin aber wieder davon abgekommen. Ich blogge auch mal dazu, kurz: Es ist zu viel Aufwand, sich zig Videos anzugucken, viele davon sind a) inhaltlich fragwürdig b) didaktisch miserabel oder c) sie decken nicht das ab, was ich brauche. Mein momentanes Fazit: ich mach sie lieber selbst, das ist weniger Aufwand, und ich kann genau diejenigen Videos produzieren, die ich brauche.

  8. Wahnsinn: So viele inhaltlich gute Kommentare, dass man daraus schon fast ein Lexikon bauen könnte 🙂 Freu mich.
    @otacke: Dass wäre für mich ein gutes Beispiel dafür, dass man auch Formate, die eher nicht dafür geeignet oder angelegt sind auch studierendenzentriert gestalten kann. Vorlesungen können ja ein ähnlicher Fall sein. Die Unterscheidung c- und xmoocs ist vor dem Hintergrund der Links in der Tat etwas einfach, nur die zitierte Presse unterscheidet fast gar nicht.
    Ging es denn eher um Orga-Fragen oder gab es auch inhaltlichen Austausch und ebensolches Feedback. Die Hangout-Runden mit ausgewählten TeilnehmerInnen, erwähnt auch Schulmeister in seinem Vortrag – wenn Du das meinst. Spannend werden solche Runden, wenn man sie wirklich als Fishbowl gestaltet. Für die Online-Teilnahme an einem Barcamp innerhalb einer Konferenz hatte die GMW-Tagung in Wien das auch mal umgesetzt, siehe: http://goo.gl/uuhe1
    Danke für die wichtigen Links!

  9. Freue mich sehr auf euren MOOC!
    Ob es eine schicke Abkürzung sein muss (man schaue sich nur die vielen Akronyme von Projekten an) weiß ich nicht. Aber wenn man über etwas redet, ist es meines Erachtens immer hilfreich, dem Ding auch einen Namen zu geben. Wenn der Name dann allerdings – wie in der Berichterstattung – über alles mögliche ausgestreut wird, dann ist wieder alles alles oder nichts nichts.
    Natürlich kostet der Einsatz sehr viel Zeit, vielleicht kann man aber von (ähnlich genannten) Konzepten etwas mitnehmen, ob man das dann MOOC oder wie auch immer nennt, ist dann für die Umsetzung, die ja in der Regel auch eine Weiterentwicklung ist, egal. Sehe ich genauso.
    Wie den Lehrenden und Lernenden ein MOOC im Studium zur Verfügung steht, ist aber m.E. immer noch oft eine offene Frage, da sie eher im Bereich des informellen Lernens stattzufinden scheinen, anstatt im Curriculum integriert. Das ändert sich aber ggf. gerade. Und es bleibt die Frage nach der Verbindung von Präsenz und Mooc, die gerade auch viele Vorteile verspricht.
    f(Selbstläufer)=nx auf P (kann man das irgendwie in eine Funktion packen?) Geht ohne D (Dozierende), T (Tutorinnen und Tutoren), M (Motivation), S (soziale Einbindung), Q (quick)….nicht. Absolute Zustimmung.
    Ich persönliche halte ja noch (da kommtst schon wieder) viel von: Bearbeite das was du online getan hast offline weiter und umgekehrt. Geht natürlich nur bei einem Blended-Mooc – oder wie wir das Ding dann nennen wollen :).

  10. Freut mich, der Hype bringt uns nämlich nicht weiter.
    Die hohe Drop-Out-Rate finde ich vor dem Hintergrund, dass ja teilweise auch Zertifikate mit den MOOCS vergeben werden sollen und diese Bildung dann viel mehr Personen zukommen soll, als es bislang möglich war, zumindest bedenkenswert. Wenn Moocs open sind (und ich beziehe mich jetzt nur auf den Punkt des kostenlosen Zugangs ohne bestimmte Zugangsberechtigung – auch wenn ich die Ausführungen zur Openness in Deinem Blog sehr wichtig finde), dann sollten sie (Stichwort Verantwortung) auch Konzepte dafür haben, die dropouts gering zu halten. Oder wird damit gerechnet / geplant? Stichwort Kommerzialisierung?

    Bei dem einen coursera-Kurs habe ich sicherlich auch als Lurker was gelernt, bei dem anderen als Zertifikatskurs hatte ich ein Peer-Feedback nicht geschafft einzureichen und konnte dann auch nicht weitermachen. Selbst wenn ich ohne Zertifikat hätte weitermachen können, war die Motivation danach dafür weg. Was Lurker mitnehmen zu untersuchen, finde ich aber hochspannend. War ja auch ein Thema beim Jungen Forum Medien und Hochschulentwiklung in Potsdam, konnte an dem Tag leider noch nicht.

    Und die motivationalen und kognitiven Kompetenzen der Lernenden kann man in einem xMOOC (und ich weiß ich sollte es jetzt vielleicht schon anders nennen, aber da fehlen mir noch die Begriffe) doch vermutlich gar nicht richtig erkennen, oder? Die Herausforderung und Chance (nicht nur in moocs)liegt finde ich darin: Mit den Lernenden arbeiten die da sind, deren Potentiale erkennen und fördern.

    Und zum Abschluss noch mal: große Lese-Empfehlung für http://markusmind.wordpress.com/2013/06/08/mooc-unchained-warum-wir-neue-denkfiguren-brauchen/

  11. Also doch lieber die eigene Zahnbürste teilen? 😛 Nein, im Ernst: Kann ich gut nachvollziehen, fände es spannend, wenn das funktioniert. Und wieder ein Verweis auf das Junge Forum Medien und Hochschulentwicklung: In einem Beitrag ging es auch darum intelligente Suchsysteme zu entwickeln, die Videos besser auffindbar machen. Dann müsste man ggf. nicht so viele vorher anschauen ;). Natürlich auch ein Thema für die Verfügbarkeit bzw. Nutzbarkeit von OER.

  12. Ja, die Presse verdreht da auch noch mehr 🙂
    Es gab in meiner Wahrnehmung auch erstaunlich viele inhaltliche Diskussionen, vor allem in den Unterforum zu den zahlreichen Artikeln, die wir lesen mussten. Auch da gab es Antworten von den KursbetreuerInnen. Hier kann ich aber nicht anschätzen, ob das eigeninitiativ erfolgt ist oder nur auf Nachfrage.

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