Das Hochschulforum Digitalisierung hatte wieder für das UFF eingeladen. Motto dieses mal: Under Pressure. Wer dabei nicht gleich den Queen-Song im Ohr hat, dem ist nicht zu helfen. Mir machte das Lust auf einen Einreichungsversuch. Der war nicht erfolgreich. Warum weiß ich nicht, könnte mir dieses oder jenes dazu denken. Vielleicht interessiert aber auch so jemanden, was man unter obigen Titel sagen könnte. Ob ich das irgendwann noch weiter ausführe, wird sich zeigen. Hier also ein kurzer (mittellanger) Abriss. Freue mich, falls es anregt – und sei es zu Widerspruch oder auch anderen Reaktionen:
- Druck ist unterkomplex: Wenn wir Druck auf Institutionen oder gar auf Lehren und Lernen als wissenschaftlich zu lösendes Problem wahrnehmen wollen, sollten wir ihn auseinandernehmen, analysieren, reflektieren, einordnen, bearbeitbar und ableitbar machen. Und zwar mit Ressourcen, Methoden, Denkansätzen, in denen Hochschulen stark sind. Grundsätzlich stellen sich sehr viele Fragen: Wer oder was übt wie warum auf wen warum welche Form von Druck aus?
- “Was Bildung verlangt, ist Muße”, schreibt Ludwig Huber (1991) zu Beginn eines Aufsatzes und ermahnt sich dabei selbst, dass er sein Thema eigentlich nicht auf Acht Seiten unterbringen kann. Natürlich tut er es trotzdem.
- Allein die Notwendigkeit der Transformation (=Druck), führt nicht dazu, dass sie passiert, wie Armin Nassehi in “Kritik der großen Geste” (2025) zeigt. Menschen sind oftmals in viele Rahmenbedingungen und Routinen eingezwängt, die miteinander komplex verschachtelt sind. Druck hilft also nicht, gemeinsame Entwicklung und Macht im Sinne Hannah Arendts vielleicht schon.
- Lernen geschieht erst im Abstand Drucksituationen können Lernprozesse schaffen – aber erst in der Distanz, im Rückblick, in der Systematisierung oder einfach beim Loslassen, im Ausatmen. Disziplin und Individuum, (strenge) Theorie und (gelebte) Praxis. Das heißt nicht, dass akademisches Lernen nicht auch in Konfrontationen mit Druck, Ängsten, Grenzen und unangenehmen Situationen erfolgt – ihrer für die Persönlichkeitsentwicklung vielleicht sogar bedarf.
- Druck erzeugt Brüche. Beschleunigen und Druck während der Corona-Pandemie haben Neues (oder meist Vorhandenes in ganz neuer Qualität) hervorgebracht, aber auch viele Friktionen erzeugt, die wir oftmals bislang weder verstehen, noch heilen oder gar für neue Resilienz nutzen konnten. Ermergency-Remote-Teaching zeigte, dass die Hochschulen mit entsprechenden Kosten zumindest in der Oberflächenstruktur weiter funktionieren können, Druck institutionell für die prinzipielle Möglichkeit gemeinschaftlicher und individueller Lernprozesse abgefedert werden konnte.
Also dann irgendwie doch: Hochschulen können schon etwas mit Druck anfangen, mit Druck umgehen, Brüche zulassen. Sie müssen ihn aber von den inneren Vollzügen, vielleicht sogar von den internen Gütern in den Kernprozessen Lehre, Forschung und Transfer fernhalten – auch darauf zielt m.E. die grundgesetzlich verbürgte Freiheit der Wissenschaft, der Forschung und Lehre. Da die Vollzüge in der Verbindung von Lehre und Lernen ohnehin mit Misserfolgswahrscheinlichkeit versehen sind (“man kann jemanden nicht Lernend machen” auch als Technologiedefizit bekannt), vor allem wenn es um die Trias von Fach-)Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Berufsvorbereitung (WR 2015) geht, braucht es die Eigenverantwortungsübernahme der Lehrenden und Lernenden. Innerhalb der Lernprozesse liegende Druckpunkte, Sorgen, Brüche und Desorientierung (an)zuerkennen (wie Silja Graupe und Bäuerle sie 2023 in der Spirale transformativen Lernens zum Ausgangspunkt nehmen), wäre wiederum etwas anderes, das hilft, mit den Drucksituationen im Außen umzugehen, denen Einzelpersonen alleine nicht gewachsen sein können.
Doch wenn wir nur (oder auch nur zu viel) über den Druck und Reaktionen darauf nachdenken, verliert die Hochschulbildung. Bell Hooks schreibt (1994) davon, wie für sie Theorie eine befreiende Praxis wurde, eine “Intervention, um den Status-Quo in Frage zu stellen”, das sollten sich Hochschulen gerade unter Druck als Ziel nicht verbauen lassen und damit auf Praxis und gesellschaftliche Herausforderungen mit sozialen Innovationen zugehen – oder noch besser, sie gemeinsam aushandeln. Hier könnte Hochschuldidaktik eine wichtige Rolle bei spielen.
Wie? Das wäre noch weiter auszuführen. Noch eine Notiz am Ende: Die Einreichung zum UFF war – auch angesichts des Formats – natürlich um einiges kürzer, nämlich:
Pushing down on me. Hochschuldidaktik als Gegendruck an Hochschulen?
Klarer, einladender Titel (max. 70 Zeichen, keine Abkürzungen) // Clear, inviting title (max. 70 characters, no abbreviations)
Description
Entlang von 5 Thesen möchte ich darlegen, warum Druck für Hochschulen kein passendes Prinzip ist. Gleichzeitig ist Druck nicht nur in Transformationsfragen, bei Tagungen und während der Coronapandemie unumgänglich (gewesen). Der Talk reißt an, was das für Bildung und Wissenschaft, für Forschung, Lehre und Transfer bedeuten kann und welche Rolle Hochschuldidaktik dabei spielen sollte.
Das kommt ins Programm: Beschreiben Sie kurz das Thema, die zentrale Frage und was die Teilnehmenden mitnehmen. Bitte verständlich, nicht werblich. (ca. 600–900 Zeichen) // This will be part of the programme: Briefly describe the topic, the core question, and what participants will take away. Please keep it clear and non-promotional. (approx. 600–900 characters)
Kurzbeschreibung
Ein bis zwei Sätze, die neugierig machen und das Thema auf den Punkt bringen (max. 300 Zeichen). // One to two sentences that spark curiosity and get straight to the point (max. 300 characters).
Wenn wir von Druck reden, sind wir unterkomplex unterwegs, berücksichtigen Bildungs- und Transformationsprozesse zu wenig, denken zu linear. Institutionen müssen Druck aushalten, individuelles gemeinschaftliches Lernen ermöglichen und dabei das Außen nicht aus dem Blick verlieren, Hochschuldidaktik kann und sollte hier kooperativ Übersetzungsleistungen forcieren..
Problemstellung / Addressed problem
Welche Problemstellung steht im Zentrum Ihrer Session? Beschreiben Sie für die Jury, warum sie relevant ist. (max. 500 Zeichen) // What problem is at the centre of your session? Describe for the jury why it is relevant. (max. 500 characters)
Druck als Prinzip, sowie Lernen, Bildung und Transformation sind nicht leicht in Einklang zu bringen. Ich möchte ein paar Gegensätze anreißen, die vielleicht sonst zu wenig in den Blick kommen und zeigen, dass Hochschuldidaktik eine Rolle in deren Bearbeitung spielt.
Das Sahnehäubchen! / Your gem!
Was macht Ihre Session besonders? Teilen Sie ein Detail, eine Methode oder einen Twist, der sie einzigartig macht. // What makes your session stand out? Share a detail, method, or twist that makes it unique.
Einerseits lehne ich den Druck ab, andererseits ist klar, dass er nötig ist. Diese Antinomie gilt es, wie andere Antinomien im Bildungsbereich im Lightning-Talk zu bearbeiten und zu erleben. Es ist alles viel schlimmer, weil ineinander verkeilter und verschachtelter, Komplexitätssteigerung bei gleichzeitiger Forschung in praktischer Absicht kann durch Hochschuldidaktik erfolgen. Dadurch entstehen mehr Potential statt Kurzschlüsse und ungewollte Brüche..
Literatur / References
Optional: Nennen Sie relevante Literatur. Bitte verwenden Sie die APA-Zitierform. Die Literatur wird im Programm angegeben. // Optional: List relevant literature. Please use APA citation style. The references will be included in the programme.
Graupe, S. & Bäuerle, L. (2023): Die Spirale transformativen Lernens. In:Heidelmann, Marc-André, Storozenko, Victoria; Wieners, Sarah (Hrsg.): Forschungsdiskurs und Etablierungsprozess der Organisationspädagogik. S. 223-241.Online verfügbar unter: https://www.silja-graupe.de/wp-content/uploads/2023/12/Spirale-transformativen-Lernens_Organisationspaedagogik_Graupe-Baeuerle_2023-224-242.pdf [12.2.2026]
Hooks, B. (2024/1994): Die Welt verändern lernen. Bildung als Praxis der Freiheit. Münster: Unrast.
Huber, L. (1983):Hochschuldidaktik als Theorie der Bildung und Ausbildung. In: Huber, Ludwig (Hrsg.): Ausbildung und Sozialisation in der Hochschule. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 114-138. Online verfügbar unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0070-bipr-25732 [12.02.2026].
Huber, L. (1991). Bildung durch Wissenschaft – Wissenschaft durch Bildung: hochschuldidaktische Anmerkungen zu einem großen Thema. Pädagogik und Schule in Ost und West, 39(4), 193-200. Online verfügbar unter: https://pub.uni-bielefeld.de/record/1781665 [12.02.2026]
Nassehi, A. (2025): Kritik der großen Geste. Anders über gesellschaftliche Transformation nachdenken. München: Ch. Beck.
Wissenschaftsrat (2015): Empfehlungen zum Verhältnis von Hochschulbildung und Arbeitsmarkt. https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/4925-15.pdf?__blob=publicationFile&v=1 [12.02.2026]
